1. Oktober:
Im 4. Teil einer Serie von Comunicados der Anderen Kampagne äussert sich die EZLN zu Oaxaca: „Das Unten bricht auch in Oaxaca hervor und nimmt Form und Weg in der APPO. Das Vetorecht dieser Bewegung wurde würdevoll wahrgenommen . Es ist nicht wichtig, ob sie wählen oder nicht (und ob sie es für AMLO oder eine andere Partei machen. Dies ist nicht von Bedeutung, sondern dass sie Vertrauen in ihre eigene Stärke haben, welches weiter geht als das ihrer Dirigenten und der Konjunkturen.
Dieses Vertrauen hat ihnen bis jetzt erlaubt, ihre Taktik für sich selbst zu entscheiden, ohne dem Druck von aussen und den Räten zum „guten Gewissen“ nachzugeben. Als EZLN unterstützen wir diese Bewegung und versuchen, durch die Compañer@s der Anderen, die dort kämpfen, zu sehen, was geschieht und zu lernen.
Aus zwei Gründen wird unsere Unterstüzung nicht darüberhinaus gehen: Einer ist, weil es sich um eine sehr komplexe Bewegung handelt, direktere Unterstützung könnte „Lärm“, Ängste und Verwirrung verursachen; der andere ist, dass die Leute in Oaxaca mehrmals beschuldigt wurden, Verbindungen zu bewaffneten Organisationen zu haben, und so könnte die Hetzkampagne, die ohnehin bereits im Gang ist, durch unsere direkte Präsenz erneut Auftrieb bekommen.“
2. Oktober:
Rund 150 vermummte UnterstützerInnen der EZLN besetzen 532 Hektar Land in der Nähe des Caracols von Roberto Barrios erneut. Das als „Chuyipá“ (offiziell „5 de Mayo“) bekannte Grundstück liegt im offiziellen Landkreis von Palenque und wird von den RebellInnen als „Chol de Tumbalá“ bezeichnet. Die Zapatistas hatten das Land 1999 besetzt und waren am 3. August von der Polizei vertrieben worden, wobei ihre Häuser und Habseligkeiten zerstört wurden.
In der Gemeinde San Antonio de Castillo Velasco (Oaxaca) wird der 49-jährige Arcadio Fabián Hernández Santiago erschossen. Santiago war gemeinsam mit anderen Gemeindepolizisten waren unbewaffnet auf einem Routinegang, als die vermummten und mit Maschinengewehren bewaffneten Ex-Polizisten ihnen auflauern. Der Präsident der Volksregierung von San Antonio, Valentín Aguilar, ruft die Bevölkerung auf, den Mord nicht in Selbstjustiz zu richten, sondern auf ein legales Verfahren gegen die Mörder zu vertrauen.
4. Oktober:
Das Innenministerium lädt zu einem „Forum für Regierungsfähigkeit, Frieden und Entwicklung in Oaxaca“.APPO und Sektion 22 nehmen nicht daran teil, nachdem sie um die Sicherheit ihrer Delegierten fürchtet, Ulises zu den geladenen Gästen zählt, die Militarisierung in Oaxaca weiter verstärkt wird und jede Nacht Angriffe auf die Zivilbevölkerung an den Barrikaden stattfinden. Innenminister Abascal rede doppelzüngig und man könne ihm nicht vertrauen, verkünden sie. Das Forum sei eine Farce und nichts anderes als ein Schachzug zur Rechtfertigung einer Militärintervention. Die APPO ruft auf, weitere Barrikaden zu errichten. Jeden Tag integrieren sich neue Quartierkomitees und Gemeinden in die APPO, was dazu führt, dass sie angesichts einer möglichen Militärintervention so zahlreich wie nie zuvor ist.
Die Verlegung der Marineeinheiten hat die Forderung nach Ulises‘ Absetzung auch in bisher zurückhaltenden Kreisen der Bevölkerung aus Furcht vor militärischen Auseinandersetzungen verstärkt. Im Touristenort Huatulco an der Pazifikküste wurden aus einem Kriegsschiff Schützenpanzer, Helikopter und anderes Kriegsmaterial ausgeladen. Täglich landen Militärflugzeuge mit Soldaten, und sogar ein Kampfjäger wurde hergebracht.
9. Oktober:
Der Marsch der APPO kommt nach 19 Tagen in der Hauptstadt Mexio Stadt an, begleitet von vielen UnterstützerInnen aus den armen Vorstädten. Die Spannung ist gross, das Medienecho auf die Demo, die nun 19 Tage unterwegs war, ebenfalls.
Innenminister Abascal fordert die Volksbewegung von Oaxaca auf, den föderalen Polizeieinheiten der PFP die Hauptstadt Oaxaca zu übergeben. Im Gegenzug sei das Innenministerium bei dem Verfahren im Senat über die Absetzung von Gouverneur Ruiz behilflich. APPO und Lehrerschaft lehnen diesen „ersten Schritt zur Militarisierung Oaxacas“ nach Vollversammlungen am Wochenende ab.
10. Oktober:
Der Senat entsendet eine Kommission nach Oaxaca, um die Regierungsunfähigkeit zu untersuchen.
12. Oktober:
Die „Oaxakenische Bürgerinitiative für Gespräche um Frieden, Demokratie und Gerechtigkeit“ (Iniciativa Ciudadana de los Diálogos por la Paz, la Democracia y la Justicia de Oaxaca“) wird ins Leben gerufen. Die Eröffnungsfeier wurde durch eine breite Beteiligung verschiedener gesellschaftlicher Sektoren in Oaxaca unterstützt.
14. Oktober:
Alejandro García Hernández, Aktivist der APPO, wird in der Nacht auf Samstag an einer Barrikade von vier Männern erschossen. Die Täter wollten eine Barrikade überfahren und wurden daran gehindert, worauf sie das Feuer auf die unbewaffneten Anwesenden eröffneten. Am Tatort werden Dokumente gefunden, die in der Militärzone XXVIII auf den Namen Jonathan Ríos Vásquez ausgestellt wurden. Es handelt sich hier um den 42. politischen Mord seit Ulises‘ Amtsantritt vor weniger als zwei Jahren.
An einer weiteren Barrikade wird ein Jugendlicher schwer verletzt, als vier Männer in einem Nissan-Pickup die Barrikade rammen, um die Durchfahrt einer Ambulanz der APPO zu verhindern.
19. Oktober:
Todesschwadronen im Dienste von Ulises Ruiz eröffnen das Feuer gegen eine Versammlung im Quartier Jardines in Oaxaca und töten den Lehrer Panfilo Hernandez Vasquez mit zwei Schüssen.
Die APPO hatte gestern die höchste Alarmstufe ausgerufen und alle aufgefordert, sich auf mögliche Angriffe vorzubereiten und die Verteidigungseinrichtungen zu verstärken. Vor drei Wochen war durch Indiskretion der „Plan Hierro“ des Gouverneurs an die Öffentlichkeit gekommen und beschreibt genau das, was im Moment passiert: Aktionen auf verschiedenen Ebenen um die Volksbewegung zu destabilisieren und zu schwächen. Tote sind in diesem Plan miteingerechnet.
24. Oktober:
Die APPO räumt Ulises eine Frist von drei Tagen ein, um seinen Rücktritt einzureichen und ruft zur friedlichen Volkserhebung am 1. Dezember auf. Für den 27. November werden ein Generalstreik im Bundesstaat und die Blockierung der Verkehrswege angekündigt. Nach zahlreichen Anschlägen und manipulierten Stromausfällen sendet von den besetzten Radiostationen nur noch „Radio Universidad“.
27. Oktober:
Ulises‘ Leute schlagen zurück: Seit den frühen Morgenstunden attackieren Pistolenschützen die Barrikaden der APPO, verwunden unzählige Compañeros, ermorden den Lehrer Emilio Alonso Fabían in San Bartolo Coyotepec und den US-amerikanischen Indymedia-Reporter Brad Will in Santa Lucia Amilpas, der Anfang Oktober nach Oaxaca gekommen war, um den seit fünf Monaten andauernden sozialen Konflikt für das globale unabhängige Mediennetzwerk Indymedia zu dokumentieren. Brad Will stirbt mit der Videokamera in der Hand durch zwei Schüsse in Brust und Bauch.
Die APPO installiert eine provisorische Notfallstation in einer Kirche, um die zahlreichen Verletzten zu betreuen, nachdem die offiziellen Krankenhäuser sich weigern, die Verletzten aufzunehmen oder durch bewaffnete PRI-Männer daran gehindert werden.
Die Verkehrsblockade der APPO legt den ganzen Tag über alle Hauptverkehrsrouten vollständig lahm. Viele Busfahrer beteiligen sich an den Aktionen und verstärken die Barrikaden mit ihren Fahrzeugen.
Die Sechste Kommission der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung ruft alle Anhänger der Anderen Kampagne auf, sich von ihren Orten aus, mit allen Mitteln und in allen Formen in Unterstützung der APPO zu manifestieren und die sofortige Absetzung des Mörders Ulises Ruiz sowie seine Bestrafung und die seiner Meuchelmörder zu fordern.
28. Oktober:
Die Regierung schickt Truppen: Etwa 4.500 Mitglieder der PFP und der Militärpolizei, 16 Militärflugzeuge, 4 Hubschrauber, 1 Kampf- und 1 Ultraleichtflugzeug werden ausgemacht und sammeln sich in den Dörfern Santiaguito Etla, Hacienda Blanca und Santa Rosa.
29. Oktober:
Mit Wasserwerfern, Schaufelbaggern und Tränengas dringen Brigaden der Präventivpolizei PFP in Richtung Zócalo vor und besetzen die Straßen und Räume des Historischen Stadtzentrums. Radio APPO ruft dazu auf, friedlich zu bleiben und weder mit Steinen noch sonst was auf Aggressionen zu reagieren.
60 Verhaftete, 30 Verschwundene und mindestens 2 Tote werden gemeldet, Verletzte und Verhaftete werden verschleppt und gefoltert.
25.000 Personen wollen vom Distrito Federal aus in einer großen Karawane nach Oaxaca aufbrechen.
Gouverneur Ruiz, der in den Medien behauptete, er sei die ganze Zeit in Oaxaca und beobachte die Situation, wurde in der Hauptstadt Mexiko City von mehreren tausend DemonstrantInnen aus einem Hotel vertrieben, in dem er sich versteckt hielt, konnte jedoch unter dem Schutz der Polizei flüchten.
30. Oktober:
Mindestens 4 Tote werden nach den gestrigen Polizeieinsätzen gemeldet. Ulises hingegen zeigt sich zufrieden, da die Normalität in der Stadt ohne jede Gewalt wieder hergestellt worden sei.
31. Oktober:
Der mexikanische Senat und die Abgeordnetenkammer fordern nach Wochen des Schweigens Ulises Ruiz Ortiz nun endlich dazu auf, sein Amt aufzugeben.
