1. August:
Der Fersehsender Canal 9 wird von oaxakenischen Frauen friedlich besetzt und geht auf Sendung.
3. August:
Die zapatistische Gemeinde Chol de Tumbala (im Norden von Chiapas), in der 30 Familien seit 1999 leben, wird gewaltsam von der Polizei geräumt und mit Traktoren und Motorsägen zerstört.
Denuncia des Rats der Guten Regierung
Bericht des Menschenrechtszentrums FrayBa
7. August:
Die Regierung schickt Spezialeinheiten der Polizei, um die Volksbewegung in Oaxaca (APPO) zu zerschlagen, die noch immer mehrere Regierungsgebäude und öffentliche Plätze besetzt hält. Die APPO ruft den roten Alarm aus und ruft alle Menschen dazu auf, den Protest zu verstärken und der „faschistischen (ehemaligen) Regierung“ Widerstand zu leisten.
Originaltext
Von einem Motorrad aus wird Marcos García Tapia, Mitglied der APPO, Zahnarzt und Professor an der Universität von Oaxaca, erschossen.
8. August:
Die Sendeanlagen von „Radio Universidad“ werden mit Säure übergossen.
9. August:
Drei Aktivisten der Organisation „Unabhängige vereinende Bewegung des Kampfes der Triqui“ (Movimiento Unificador de Lucha Triqui Independiente “ MULTI) und der Volksversammlung in Oaxaca (Asamblea Popular del Pueblo de Oaxaca – APPO) sowie ein Kind werden in einem Hinterhalt auf der Straße ermordet. Die Compañeros sind in einem weißen Pick-up in der Nähe des Dorfes Paraje Pérez unterwegs, als sie gegen 13 Uhr von Unbekannten mit Schusswaffen angegriffen werden.
Zur selben Zeit werden drei Mitglieder der Organisation „Frente Popular Revolucionario“ in der Gemeinde Santa Lucía del Camino am Rande von Oaxaca-Stadt durch in zivil gekleidete Personen auf der Straße überfallen und entführt.
Bereits gegen 7.30 Uhr werden die Gebäude der Tageszeitung „Noticias Voz e Imagen de Oaxaca“ ebenfalls mit Schußwaffen angegriffen, Geräte gestohlen und mehrere Personen verletzt.
10. August:
Wenige Minuten vor dem Ende einer Demonstration gegen den „schmutzigen Krieg“ der Regierung wird diese mit Schusswaffen angegriffen. Zwei Personen werden verletzt und José Jimenez Colmenares wird durch einen Schuss, der ihn ins Herz trifft, getötet. Es „verschwinden“ die Compañeros Juan Gabriel Ríos und Elonaí Santiago Sánchez, beide Lehrer, sowie der Biologe Ramiro Aragón Pérez. Sie waren dabei, nach den Entführten vom Vortag zu suchen.
11. August:
José Jiménez Colmenares wird bei einer Demonstration durch mutmaßliche Polizisten erschossen.
Augenzeugenbericht
12. August:
Evangelio Mendoza González, einer der führenden Vertreter der oaxakenischen Volksversammlung APPO, wird von zivil gekelideten Polizisten in der Gemeinde Santa María Atzompa (ca. 20 Kilometer von Oaxaca-Stadt) festgenommen. Der Verhaftete denunziert verstärkte Repression gegen die APPO und meint, „Dies ist kein Problem – der Gouverneur Ulises Ruiz Ortiz wird nicht genügend Gefängnisse haben, um alle einzusperren, die sich gegen seine Regierung auflehnen.“Obwohl die APPO sofort alle Ausfahrtstrassen blockierte und jedes Auto genau untersuchte, konnte der Entführte bisher nicht aufgespürt werden.
Die drei entführten Mitglieder der APPO, der Biologe Ramiro Aragón Pérez und die beiden Lehrer Elinoai Santiago Sánches und Juan Gabriel Ríos, werden in Ejutla (Oaxaca) in Gefangenschaft der PGR (Procuraduría General de la Republica) aufgefunden. Die Kommission für Menschenrechte (CDH) kann die Gefangenen besuchen und bestätigt, dass diese gefoltert wurden. Die drei wurden von Mitgliedern der „Secretaria Para la Protección Ciudadana“ in Oaxaca und vom AFI (Agencia Federal de Investigación“, das ist das mexikanische FBI) entführt, in eine verdeckte Operationsbasis verschleppt und dann der PGR übergeben.
13. August:
Der Erzbischof von Oaxaca ruft die Regierung Mexikos zu einer dringenden Intervention in Oaxaca auf, um „der Gewalt Einhalt zu gebieten“.
14. August:
Die Ex-Regierung Ulises bestätigt, daß sich die vor einigen Tagen entführten Aktivisten Erangelio Mendoza Gonzáles (Sektion 22 der LehererInnengewerkschaft SNTE) in Tehuantepec, Ramiro Aragón Pérez (Ornithologe) in Zimatlán, sowie der an den Rollstuhl gefesselte Germán Mendoza Nube in Haft befinden (letzterer „aufgrund seiner besonderen Gefährlichkeit“).
15. August:
Zwei Polizisten in Zivilkleidung schießen auf die Eingangstüre des Hauses von Flavio Sosa Villavicencio (in San Bartolo Coyotepec). Villavicencio gehoert der „Neuen Linken Oaxacas“ an und ist Teil der provisorischen Fuehrung der „Volksversammlung Oaxacas“ (APPO).
Teile der Gewerkschaften mit rund 80.000 Mitgliedern (Staatsangestellten) drohen mit einem Genralstreik, sollte Ulises nicht noch im August seinen Rücktritt verkünden.
16. und 17. August:
In Oaxaca findet das nationale Forum zur Konstruktion der Demokratie und der Regierungsfähigkeit (foro nacional para la construcción de la democracia y gobernalidad) statt. Die Idee ist, an dieser Konferenz zu diskutieren, wie den eine neue Verfassung in Oaxaca aussehen könnte und wie eine Volksregierung in der Realität funktionieren müsste. Die drei Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit (1) Ausrichtung einer neuen Verfassung, (2) Für ein gemeinsames politisches Programm und (3) Eine Politik der Integration und Respekt für die Vielfalt Oaxacas. Rund 900 Personen aus allen Sektoren der Gesellschaft nehmen an diesem Forum teil, das von ca. 10 Radiostationen live über das ganze Land verbreitet und über das Internet auch dem internationalen Publikum zugänglich gemacht wird.
In Atenco wird Ricardo López Espinosa, führender Aktivist der Oppositionsbewegung, verhaftet. In Chiapas steigt die Repression auch gegen das zapatistische Kollektiv und Café „Espiral 7“, dessen MitarbeiterInnen durch Polizisten „in Zivilkleidung und Autos ohne Kennzeichen“ belästigt und vefolgt, sowie durch Hubschrauber (!) überwacht werden.
21. August:
Die Sendeanlagen des Radio- und Fernsehkanals „Canal 9“, der am 1. August von oaxakenischen Frauen besetzt wurde, werden von zivil gekleideten Angreifern (vermutlich Polizisten) beschossen. Eine Person, Sergio Vale Jiménez, 48 Jahre, wird dabei schwer verletzt, die Anlage zerstört, der Sendebetrieb verhindert. Als Antwort auf den Angriff besetzt die Volksbewegung unmittelbar darauf und auf friedliche Art und Weise alle wichtigen kommerziellen Radiosender in Oaxaca-Stadt. Von dort aus werden nun Informationen über die soziale Bewegung gesendet. Gebäude der regierungskritischen Regionalzeitung „Noticias“ werden von einem bewaffneten Schlägertrupp (etwa 70 Personen) angegriffen, die Volksbewegugn befindet sich aufgrund dieser neuerlichen Vorfälle im Alarmzustand. Der öffentliche Nahverkehr ist praktisch komplett zum Erliegen gekommen, bewaffnete Gruppierungen, die der Regierung zugerechnet werden, ziehen durch die Straßen und zünden Fahrzeuge an. Gleichzeitig wird berichtet, dass die Bewegung an Stärke gewinnt. Täglich schließen sich demnach mehr und mehr Organisationen und Gemeinden aus allen Regionen des Bundesstaates Oaxaca der Volksversammlung APPO an. Die APPO ruft die Bevölkerung dazu auf, die ca. 80 besetzten Regierungsgebäude – unter anderem Gerichtsgebäude, das Parlament und den Regierungssitz – verstärkt zu bewachen. Außerdem ergeht ein Aufruf an internationale soziale Organisationen und Menschenrechtsorganismen, den gerechten und legitimen Kampf der Bevölkerung Oaxacas zu unterstützen.
Erlebnisbericht / Kommentar
22. August:
Ca. 450 Polizeikräfte ziehen in einer „Operation zur Reinigung der Straßen“ schießend durch das Stadtzentrum. Die „Sicherheitskräfte“, die bei dieser Aktion an mehreren Besetzercamps Halt machen und Unterstützer einschüchtern, werden z.T. von PRI-nahen Banden unterstützt. Bei Schüssen mit AK-47 Sturmgewehren auf eine unbewaffnete Bewachergruppe eines besetzten Radiosenders wird der 52jährige Architekt Lorenzo Pablo tödlich verletzt. Mehr als 300 Patronenhülsen werden aufgesammelt.
Wenig später werden Polizeiwagen identifiziert, aus denen besetzte Sender angegriffen werden. Dabei gibt es erneut Schussverletzte auf Seiten der Demonstranten. Auf Beschluss der APPO sollen die ca. 500 Barrikaden, die in der Nacht von 21. auf 22. August spontan zum Schutz der Volksbewegung errichtet wurden, in den kommenden Tagen verstärkt werden. Nach wie vor sind vereinzelte Schüsse zu hören.
Auch in anderen Regionen der Bundesstaates, z.B. am Isthmus von Tehuantepec, nehmen die Proteste zu. Mehr und mehr Gemeinden erklären ihre „Autoritäten“ für abgesetzt und fordern die Übergabe der Amtsgeschäfte an das Volk. Inzwischen meldet sich auch die katholische Kirche zu Wort: In einer Bittschrift an den Präsidenten Mexikos rufen mehr als 40 Priester, die in Oaxaca ihren Dienst verrichten, Vicente Fox zu einer unmittelbaren Intervention und zu einer friedlichen Konfliktlösung auf. „Es ist nicht mehr zu verbergen“, so der Brief, „dass im Bundesstaat Oaxaca die Regierbarkeit nicht mehr gegeben ist, dass Gewalt und die Repression seitens verschiedener Autoritäten im Bundesstaat ausgeübt werden, dass die Regierung Oaxacas unfähig ist, den sozialen Konflikt zu lösen, dem schon mehrere Menschen zu Opfer fielen, aufgrund dessen mehrere Meschen gefoltert und illegal festgenommen wurden.“
23. August:
Paramilitärs beschiessen aus Fahrzeugen heraus verschiedene Camps der APPO. Der Zocalo, Radio Oro und Radio La Ley 710 werden angegriffen.
24. August:
Porfirio Hugo Reyes Núñez, ein weiteres Mitglied der Volksfront zur Verteidigung des Landes Erde (FPDT), aus San Salvador Atenco wird festgenommen und in das Gefängnis von Santiaguito eingeliefert.
An verschiedenen Stellen in Oaxaca-Stadt werden Menschen an den Barrikaden beschossen werden.
27. August:
Die Barrikaden werden jede Nacht grösser und zahlreicher und es gibt keine Anzeichen dafür, dass diese bald aufgegeben werden. Teilweise sind die Quartiere derart gut abgeriegelt, dass es selbst für die dort wohnhafte Bevölkerung schwierig ist, in ihre Häuser zu gelangen. Die Urabstimmung der Lehrer- und Lehrerinnen der SNTE Sektion 22 ist beendet und zugunsten einer Weiterführung der Protestaktionen in massiver Form ausgegangen.
Das Zweite Indigene Encuentro der Halbinsel von Yucatan richtet eine Botschaft an die Indígenas des Landes, an die Regierungen der Region und an die Bevölkerung von Mexiko: „Die Wege der Würde bewandernd, aus dem Traum der Dunkelheit erwachend, diese lange Nacht bis zur Morgendämmerung der Vergessenen seit mehr als 500 Jahre durchschreitend, wir, Indígenas, die wir in unserem Herzen ein Morgen haben, die wir Kinder des Ceiba Baumes sind, Geschwister des Maises, die wir in unserem Herzen die Farbe der Erde tragen, kommen zusammen um unsere Stimme und unsere Erinnerung zu teilen, um gemeinsam die Geografie des Widerstandes und der Rebellion zu errichten“.
Abschlußbotschaft
29. August:
Mehr als 1000 Unternehmer und Kaufleute aus allen Handelskammern Oaxacas am rufen einen ganztägigen Generalstreik aus, um gegen die staatliche Gewalt zu protestieren und eine Lösung der Krise zu fordern. Außerdem wurden auch Kleinhändler und Ladenbesitzer aufgefordert, ihre Zurückweisung der Gewalt symbolisch zum Ausdruck zu bringen, in dem sie eine weißes Schleife an Läden und Ständen befestigen. Am selben Tag kommt es zu ersten Verhandlungen zwischen der APPO und der Bundesregierung. Die Gespräche finden zwar nicht wie gefordert in Oaxaca statt, sondern in Mexiko-Stadt, was die direkte Übertragung über die besetzten Radiostationen und damit die breite Beteiligung der Basis unmöglich macht, jedoch immerhin unter Ausschluß der (vom Volk für abgesetzt erklärten) Regierung Ulises.
Interview mit Philipp Gerber
31. August:
Geschlossene Verhandlungen zwischen der APPO und der Bundesregierung in Mexiko-Stadt, Ulises nicht dabei. Streik der Mittelbetriebe erfolgreich, Unmut in Mittel- und Oberschicht wächst. Vorbereitungen zu neuer Mega-Demo, Klima aber sehr angespannt.
ausführlicher Bericht
