Ende Dezember 2008 / Anfang Januar 2009:
In den zapatistischen Gemeinden wird mit dem „Festival der würdigen Wut“ der 15. Jahrestags des Aufstands gefeiert. Das zweiwöchige Festival hatte in Mexiko Stadt begonnen, war auf rebellischem Gebiet fortgesetzt worden und geht auf dem Gelände der CIDECI, der Universität der Erde in San Cristóbal, zu Ende.
Kleinbäuerliche und indigene soziale Bewegungen wie die weltweit operierende Organisation „Via Campesina“ oder der „Nationale Indigene Kongress“ (CNI) aus Mexiko weisen auf die Notwendigkeit einer auf regionalen Produkten basierenden Ernährung der Menschen und der Abkehr von der exportorientierten Sachzwanglogik des Weltmarkts hin.
Sylvia Marcos, feministische Aktivistin aus Mexiko, hebt hervor, daß der Widerstand der in der EZLN organisierten Frauen erheblich dazu beigetragen hat, daß sich der urbane, akademische Feminismus und der der kämpfenden bäuerlich-indigenen Frauen einander annähern konnten.
Ein weiteres Thema des internationalen Treffens ist neben alternativen Formen von Kultur die Kritik an den herrschenden Medien und die Suche nach einem ethischen Journalismus „von unten für unten“.
John Holloway, Soziologe und Autor des Buches , Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen‘, betont die Notwendigkeit der Gesellschaften, sich aus ihrer Opferrolle im kapitalistischen System zu befreien, um deutlich zu machen, dass sie „nicht Opfer sondern Menschen sind. Es reicht! Wir werden nichts von niemandem erbitten, wir werden nicht auf die Zukunft hoffen, weil sie nicht einfach so kommt. […] Wir werden auf eine andere Art leben, die sich weder dem Kapital anpasst noch den Anforderungen der kapitalistischen Produktion unterwirft. Nicht nur durch Demonstrationen, sondern indem wir eine andere Sache aufbauen und die Welt, die wir schaffen wollen, schon jetzt leben. Die ZapatistInnen kämpfen, während sie schon in der Welt leben, die sie erschaffen wollen und die weit über die Welt des Kapitalismus hinausgeht.“
Darüber hinaus stellt er bei seiner Betrachtung der internationalen Finanzkrise dar, dass diese auf zwei Arten erklärt werden kann: „Die scheinbar offensichtlichste Erklärung ist, die Verantwortung für die Krise dem Kapitalismus zuzuschreiben und gleichzeitig […] mehr Arbeitsplätze und Unterstützungsleistungen für die Armen zu fordern und für die Durchsetzung dieser Forderungen auf Führungspersönlichkeiten zurückzugreifen. Die andere Art und Weise mit der Krise umzugehen ist zu sagen, dass es so einfach nicht ist: Wir selbst tragen durch unsere Rebellion die Verantwortung für die Krise. Die Existenz des Kapitals ist abhängig von einer immer absoluteren Unterwerfung im Rahmen der damit einhergehenden entfremdeten Arbeitsverhältnisse. Und die momentane Krise resultiert aus den Wellen der Widerspenstigkeit und Gehorsamsverweigerung der letzten 40 Jahre.“
Raúl Zibechi unterstreicht die Entstehung einer neuen Generation sozialer Bewegungen. Dies geschieht zur selben Zeit, in der die Regierungen an Einfluss und Legitimation verlieren, weil sie Versprechen gegenüber der Bevölkerung weder konkret ausgestalten noch umsetzen: „Jedes Mal, wenn, los de abajo‘ („die von unten“) vorherrschende Formen der Dominanz brechen, treten andere, verfeinerte und mehr ausgearbeitete Dominanzstrukturen hervor.“
Am Morgen des dritten Tages des Ersten weltweiten Festivals der würdigen Wut werden die Stimmen der Menschen gehört, die von Repression in Mexiko betroffen waren und sind. Diese Repressionen sind, so Bárbara Zamora, „ein von der Macht organisierter Akt, um mit Gewalt die politischen und sozialen Aktionen sowie die Verteidigung der Ressourcen und Ländereien der Gemeinden aufzuhalten und zu bestrafen“.
Für die politischen Gefangenen ist jeder Tag im Gefängnis „unbeschreiblich“: nicht nur wegen der entwürdigenden Tatsache, wegen der Verteidigung ihres Landes eingesperrt zu sein, sondern auch wegen der Qual, getrennt von ihren Familien und Kindern zu sein, die jedes Mal, wenn sie sie besuchen, unzähligen Demütigungen ausgesetzt sind. „Aber sie genauso wie wir müssen den Kampf fortsetzen“ erklären die politischen Gefangenen: „Wir geben uns nicht auf, unter Genossen teilen wir unsere Wut und tiefe Verärgerung. Die Macht hat uns erschüttert: an einem Tag Vertreibung und am anderen Tag Mord, Folter und Schläge. Sie tun so, als ob wir nicht atmen, als ob wir nicht unser Recht ausüben, zu denken und als ob wir uns der Paranoia und der Angst unterwerfen“.
Xaureme Candelario, Führungspersönlichkeit der Huichol aus der Gemeinde Santa Catarina in Jalisco, klagt in seinem Redebeitrag die bundesstaatliche Regierung von Emilio González (PAN) an. Mit Hilfe der Nationalen Kommission für die Entwicklung der Indigenen Völker (Comisión Nacional para el Desarrollo de los Pueblos Indígenas) wird beabsichtigt, die Gemeinden, die sich dem Bau einer Strasse widersetzen, zu spalten. Dies geschieht durch Angebote für Baumaterialien und Gemeindeprojekte im Wert von 50 Millionen Pesos.
Bei dem Treffen tritt nach einem Jahr medialer Abwesenheit auch Subcomandante Marcos, Sprecher und Militärkommandeur der EZLN, wieder auf, der die Gelegenheit nutzt, die politische Situation und die Politik der EZLN und weiterer außerparlamentarischer Gruppen aus dem direkten Umfeld zu erläutern. Marcos ruft die anwesenden Aktivisten dazu auf, trotz aller Differenzen einen parteiunabhängigen linken Kampf „gegen den Kapitalismus und für die Menschheit“ zu führen. Gleichzeitig bittet er die Anwesenden, nicht nach einer Homogenisierung der sozialen Bewegungen zu streben: „Machen wir aus unserer Stärke keine Schwäche. Daß wir so viele und so verschieden sind, wird uns erlauben, die sich nähernde Katastrophe zu überleben und etwas Neues aufzubauen“.
Anfang Januar:
In der ersten Januarhälfte kommt es zu drei Auseinandersetzungen zwischen Zapatistas und anderen Bauernorganisationen. Zwei Dutzend Personen werden dabei verletzt. Die Konflikte eskalieren insbesondere um die Kontrolle über „ökotouristische“ Tourismusattraktionen. Die Aktionen der Zapatistas begannen nach dem Massaker von Chinkultik vom 3. Oktober, wo sechs (nicht-zapatistische) Dorfbewohner nach der Räumung einer besetzten archäologischen Stätte von der Polizei ermordet wurden. Auch der Zugang zu den Ruinen von Palenque wird Anfang Januar für ein paar Stunden von Zapatistas besetzt.
11. Januar:
Der APPO-Aktivist Ruben Valencia Nunez wird am Weg zum politisch-kulturellem Zentrum „CASOTA“ im Zentrum von Oaxaca Stadt von drei Angreifern schwer verletzt. Ruben erleidet mehrere Stichwunden im Hals- und Gesichtsbereich. Dieser Angriff stellt nur die Spitze des Eisberges da und folgt einer langen Reihe von Aggressionen, Einschüchterungen und Verhaftungen gegen Genossen aus den sozialen Bewegungen in den letzten Monaten. Er demonstriert die autoritäre und illegale Strategie des Staates und den Beginn einer neuen, gefährlichen Form von staatlicher Repression, ausgeführt von paramilitärischer Polizei, Paramilitärs und Verbrechern im Dienst der schlechten Regierung von Ulises Ruiz Ortiz im Stil des schmutzigen Krieges.
31. Januar:
Der politische Gefangene Abraham Ramírez Vásquez wird von einem schwer bewaffneten Polizeitrupp aus dem Gefängnis in Pochutla, Oaxaca, mitgenommen und taucht erst zwei Tage später im Gefängnis von Miahuatlán wieder auf. Abraham ist führendes Mitglied des Comité por la Defensa de los Derechos Indígenas en Xanica (CODEDI-Xanica) – einer dörflichen Organisation zur Verteidigung der indigenen Rechte und befindet sich seit Jänner 2005 in Haft.
Damals war er zusammen mit Noel und Juventino Garcia Crúz bei der Verrichtung einer Gemeinschaftsarbeit in seinem Dorf von einem Polizeitrupp angeschossen und wegen angeblichem Mord an einem Polizisten, Entführung und schwerer Körperverletzung verhaftet worden. Trotz eindeutig entlastender Beweise befinden sich die drei CODEDI-Mitglieder seitdem in Untersuchungshaft, d.h. seit nunmehr über vier Jahren.
