15. Juli:
Die „Revolutionäre Volksarmee“ (EPR) meldet sich mit einer Anschlagsserie auf Installationen des staatlichen Erdölkonzerns Pemex zurück: In den nördlichen Bundesstaaten Guanajuato und Queretaro wurden Gasleitungen in die Luft gesprengt und ein Treibstofflager in Brand gesteckt.
Die marxistisch-leninistische EPR galt Ende der neunziger Jahre als die schlagkräftigste und am besten bewaffnete Gruppierung der damals auf ein gutes Dutzend geschätzten Guerillagruppen im Land, bis sie durch militärische und geheimdienstliche Aktionen der Regierung zerschlagen sowie durch interne Auseinandersetzungen gespalten wurde.
Seit der Verhaftung von drei EPR-Mitgliedern am 25. Mai im Bundesstaat Oaxaca kündigte die EPR den Beginn einer Kampagne „landesweiten Störfeuers gegen die Interessen der Oligarchie und der illegitimen Regierung“ an. Die Aktionen sollen so lange weitergehen, bis die drei Guerilleros lebend präsentiert werden.
Ursprünglich hatten der Pemex-Konzern und die Behörden versucht, den „Bruch“ der Leitungen und die daraus resultierenden Großbrände mit technischen Unzulänglichkeiten zu erklären und als „Unfälle“ zu deklarieren. Das in den Medien verbreitete EPR-Kommunique durchkreuzte diese Strategie.
Interview mit Carlos Montemayor
7. Juli:
Mitglieder von Nicht-Regierungs- Organisationen und Einwohnern von Viejo Velasco Suárez finden die möglichen Überreste von zwei der vier Indígenas, die am 13. November 2006 während eines bewaffneten Angriffs durch Comuneros des Dorfes Nueva Palestina entführt wurden. Die mexikanische Regierung, die von der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) um einen Bericht über den Fall ersucht wurde, hatte geantwortet, dass es in Chiapas kein gewaltsames Verschwinden gegeben habe und dass die vermeintlich Verschwundenen im Norden des Landes arbeiten würden.
Aufgrund der Untätigkeit der Behörden stellten die Hinterbliebenen gemeinsam mit Vertretern von Menschenrechtsorganisationen eigene Nachforschungen an und entdeckten etwa eine Stunde Fußmarsch vom Dorf Paraiso entfernt in einer Waldschneise einen Strick, mit dem die zwei Indígenas gefesselt worden waren, als sie fortgeschafft wurden. Später fanden sie einen Schädel, weitere menschliche Knochen, die halbverborgen im Gebüsch über ein Gebiet von 10 bis 15 m² verteilt waren, und Überreste der Kleidung von Miguel Moreno Montejo und Pedro Núñez Pérez.
„Der gehörte meinem Papa!“, rief Diego Moreno Vázquez aus, als ein schwarzer Gürtel mit einer Messerscheide auftauchte. Sofort holte er aus seinem Beutel ein hellbraunes Hemd hervor, um es mit jenem zu vergleichen, das halb vergraben gefunden wurde: „Meine Mama hat uns beiden das gleiche gekauft“, versicherte er.
Hintergrundinformationen & Urgent Action
8. Juli:
Einwohner der Ortschaft Paraje la Ventana, größtenteils ehemalige PRI- und heute PRD-Anhänger, überfallen die Ambulanz der zapatistischen Klinik des Caracols von Oventic. Das Fahrzeug mußte aufgrund eines technischen Defekts nahe der Kreuzung von La Ventana anhalten, woraufhin sich zunächst ein betrunkener Mann näherte, den Fahrer angriff und die beiden Gesundheitspromotoren bedrohte. Die Ambulanz schaffte es, die Fahrt einige hundert Meter weit fortzusetzen, als zwei Lieferwagen mit etwa 20 Männern aus La Ventana eintrafen, die den Fahrer und die Mechaniker, die den Wagen reparieren wollten, angriffen und beschuldigten, den Wagen, der der Klinik von Oventik im September 2005 von italienischen Compas gespendet worden war, gestohlen zu haben.
Den Gesundheitspromotoren gelang es, ihre Patientin, die sich in äußerst kritischem Zustand befand, ins Krankenhaus von San Cristóbal zu schaffen.
Denuncia der Guten Regierung von Oventik
11. Juli:
Das Landwirtschaftliche Gericht (TUA) von Tuxtla Gutiérrez erklärt die Besetzung von Grundstücken, auf denen die Unterstützungsbasen der EZLN des autonomen Bezirks Vicente Guerrero leben und arbeiten, durch Mitglieder der paramilitärischen OPDDIC für unrechtmäßig.
16. Juli:
Mehrere tausend Protestierende feiern wie im vergangenen Jahr während des friedlichen Volksaufstandes in Oaxaca ihre Guelaguetza „von unten“ – aus Protest gegen die offizielle Veranstaltung des umstrittenen Gouverneurs Ulises Ruiz Ortiz. Gegen Mittag erreichen die Demonstranten eine Absperrung durch massive Polizeikräfte, die sich ihnen in den Weg stellen und sie mit Tränengas und Steinen beschießen. Offiziell kommt es zu 40 Festnahmen auf, darunter 6 Minderjährige und 4 Personen, die aufgrund ihrer Verletzungen in Krankenhäusern medizinisch versorgt werden.
Unter ihnen befindet sich auch Emeterio Medina Cruz, Mitglied der lokalen Bürgerorganisation zur Verteidigung der indigenen Rechte in Xanica (CODEDI-Xanica), einer der Gründungsorganisationen der APPO, der unverletzt von zwei Gemeindepolizisten verhaftet und Stunden später mit mehrfachem Schädelbruch und inneren Verletzungen ins Spital eingeliefert wird. Laut seinen Verwandten sind die Überlebenschancen trotz Notoperation gering.
Menschenrechtsorganisationen betrachten den Vorfall als ein neuerliches Zeichen der Dialogunfähigkeit der Regierung. Diese habe einmal mehr unverständlich und wider aller Vernunft exzessiven Gebrauch von der Gewalt gemacht.
17. Juli:
65 Mitglieder der Ejido-Union der Selva (UES) überfallen die zapatistische Gemeinde 24 de Diciembre im Autonomen Bezirk San Pedro de Michoacán und richten am Zugang zu den Feldern in der Nähe des Militärcamps ein permanentes Lager ein. Sie fällen Bäume und rauben den Zapatisten mehr als 35 Holzbalken für den Bau von 12 Meter langen Häusern.
Der autonomen Gemeinde drohen sie mit der gewaltsamen Räumung. Zu diesem Zweck zählen sie auf die offensichtliche Hilfe der Bundestruppen, die auf einem Grundstück stationiert sind, das bis 1994 dem General und Ex-Gouverneur von Chiapas, Absalón Castellanos Domínguez gehörte. Die Ranch wurde infolge des Aufstandes von 1994 von den indigenen Rebellen befreit und Anfang 1995 besiedelt, aber die Campesinos wurden während der Offensive des damaligen Präsidenten Ernesto Zedillo gegen die EZLN und ihre Gemeinden von den Bundestruppen vertrieben und verfolgt.
Ende 2006 besetzten die Begründer von 24 de Diciembre ihre Grundstücke von El Momón erneut, nachdem sie ihrer Häuser, ihres Landes und ihrer Ejido-Rechte in Nuevo Momón durch die gleichen Mitglieder der UES beraubt wurden, die sie heute zu vertreiben beabsichtigen.
In der unmittelbaren Umgebung der zapatistischen Gemeinden hat sich auch ein Lastwagen der staatlichen Sektorpolizei eingenistet. Die Agenten sind mit gezogener Waffen an der Ausfahrt nach Matías Castellanos stationiert, während ein anderer Lastwagen der gleichen Polizei auf den Strassen der Umgebung kreuzt. Die Machtdemonstration ist also bereits in vollem Gange.
“ Calderóns Plan ist es, die anderen Organisationen zu kaufen, um sich mit den Zapatisten zu streiten, aber wir werden nicht in seine Fallen tappen und Widerstand leisten, bis er selbst fällt. Das soll nicht angezweifelt werden, wir meinen das völlig ernst“, erklärten heute die autonomen Autoritäten, die weiterhin angaben, dass 58 Angehörige der UES gekommen waren um die Zapatisten von 24 de Diciembre zu provozieren.
Das Szenario einer potentiellen Konfrontation zwischen Indígenas verschärft sich zusehends, und es steht zu befürchten, dass die Gewaltandrohungen nach Abschluss des internationalen zapatistischen Encuentros im Caracol von La Realidad, in die Tat umgesetzt werden.
Die autonomen Autoritäten machen Gouverneur Juan Sabines Guerrero und den Bezirkspräsidenten von Las Margaritas, José Antonio Vázquez, für die Taten verantwortlich, beide Angehörige der PRD.
In einem Bericht des Zentrums für Politische Analyse und Soziale und Wirtschaftliche Forschung (CAPISE) werden die Hintergründe beschrieben: „Als die Bundesarmee ihre Angriff gegen die EZLN und ihre Unterstützungsbasen zu Luft, Land und Wasser startete, waren die 45 Familien von 24 de Diciembre (frühere Ejidobewohner von Nuevo Momón) gezwungen, in die Berge der Tojolabal Selva zu fliehen, um dem Militärangriff entkommen, nachdem sie das Land von April 1994 bis zum 9. Februar 1995 fast 11 Monate lang bearbeitet hatten. Die Familien von 24 de Diciembre fanden an einem weiter abgelegen Ort fünf Jahre lang Zuflucht, und als sie dort nicht länger bleiben konnten, wegen Mangel an Land, Holz und Häusern, wurden sie sieben Jahre lang von einem anderen Dorf aufgenommen. Diese Familien haben mehr als 12 Jahre lang als Kriegsvertriebene gelebt. Im Februar 1995, als der Angriff der Bundesarmee erfolgte, waren sie rechtlich gesehen alle Ejidatarios von Nuevo Momón.“
Am 24. Dezember 2006 teilten die zapatistischen Autoritäten die 525 Hektar befreites Land deshalb erneut 31 Familien zu, die auf ihr Land und zu dem, was von ihren Häusern übrig geblieben, war zurückkehrten. „Heute hat das Dorf eine Gesamtbevölkerung von 146 Personen, die erneut davon bedroht sind, zu Kriegsvertriebene zu werden“, heißt es in dem Dokument weiter.
20. Juli:
In Oventik wird das zweite Treffen zwischen den Zapatisten und den Völkern der Welt eröffnet. Einen Tag nach der Konferenz „Die Verteidigung von Land und Territorium vor der kapitalistischen Plünderung“ in San Cristóbal de las Casas mit Ehrengästen wie der brasilianischen Bewegung der Landlosen (MST), den Landarbeiterbewegungen von Korea, Madagaskar, der Vereinigten Staaten und aus Europa, Asien, Afrika und Amerika bringt dieses Ereignis ein weiteres Mal Beobachter, Sympathisanten, Angehörige der Anderen Kampagne und Anhänger der Sechsten Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald aus mehr als 80 Ländern zusammen. Eröffnet wurde es mit einer Diskussion zu Themen über, über die Volksbewegung von Oaxaca und über das nächste Indigene Encuentro, das im kommenden Oktober auf dem Stammesgebiet der Yaqui stattfinden wird. Nach Arbeitskreisen zu den Themen Gesundheit und Autonomie widmete sich das Treffen in Morelia dem Kampf ums Land.
„Die Feldarbeit ist unser Leben“, erklärte ein Landarbeiter aus Thailand, der von seinem Land vertrieben wurde, um Platz für die Eukalyptuspflanzungen transnationaler Konzerne zu machen. Der Widerstand breitete sich landesweit aus und verband sich mit jenem des Pagaqueyor Volkes aus dem Hochland, das im Namen des „Naturschutzes“ von seinem Stammesgebiet verstoßen wurde.
Yudhvir Singh von der Bauernunion Bhartiya Kissan aus Indien (mit 300 Millionen Mitgliedern) erklärte: „Der Feind ist der Neoliberalismus. Unser Kampf gilt dem Überleben. Hier in Chiapas haben wir in diesen Tagen viel gelernt. Wir sehen, dass euer Kampf dem unseren ähnelt“.
„Unsere Bewegung kommuniziert mündlich, wie benutzen nicht einmal Bleistift und Papier. Alles muss in Versammlungen besprochen werden; das Instrument ist das Wort“. Die Bauern aus Indien folgen der Tradition von Gandhi: „Unsere Hauptwaffen sind der Ungehorsam und direkte Aktionen“. Er erzählte, dass seine Organisation 2002 während des Treffens der Welthandelsorganisation in der Stadt Mumbai protestierte. Die Polizei nahm mehr als 71.000 Bauern fest, die sie natürlich bald wieder laufen lassen mussten. Aber die Gefangenen weigerten sich zu gehen, es sei denn, die Agenten erklärten sich bereit, auf ihrem Land zu arbeiten. Die Polizei akzeptierte dies nicht. „Also weigerten wir uns die Gefängnisse zu verlassen, und schafften es, den gesamten Raum der Polizeistation friedlich zu besetzen. Sie mussten Nahrung für mehr als 71.000 Gefangene herbeischaffen, und hinterher bezahlten sie uns die Rückreise zu unseren Bauernhöfen.“
Soraia Soriano, Leiterin der MST, berichtete über den Bauernkampf in Brasilien, der es ermöglichte, Land für 350.000 Familien zu gewinnen, und der die sozialen Beziehungen derer von Unten verändert hat, insbesondere der Frauen. Wie sie erklärte, „sind die Zapatisten für uns eine Quelle der Kraft gewesen. Sie sehen sich tausend Herausforderungen gegenüber. Sie sind ein ständiges Beispiel dafür, dass es möglich ist eine andere Form des Lebens zu errichten“.
Wie es Dong Uk Min von der Bauernliga von Korea ausdrückte: „Man kann alleine träumen, aber um einen Traum zu verwirklichen, muss er vielen gehören“.
30. Juli:
Mit einer Großdemonstration feiert die APPO die Freilassung der letzten Gefangenen vom 16. Juli. Außer Emeterio Cruz, der immer noch im Koma liegt, befindet sich auch Raymundo Torres Velasco in lebensbedrohlichem Zustand. Er wurde am 16. Juli von Polizisten der PFP verhaftet, die einen öffentlichen Bus anhielten und sich über seinen physischen Zustand (er ist gehbehindert) lustig machten. Schließlich prügelten sie ihn, bis er einen Schädelbruch sowie innere Blutungen erlitt und das Bewusstsein verlor. Aus dem Spital des mexikanischen Roten Kreuzes musste er fluchtartig verlegt werden, da die Angehörigen seine Verhaftung fürchten.
