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Die Rolle der USA in den Hungerrevolten von Haiti

--- zas ---
9. September 2008

Vor dreissig Jahren produzierte Haiti allen Reis, den es brauchte. Was ist geschehen?

Bill Quigley*

Hermite Joseph, eine Mutter, die auf den Märkten von Port-au-Prince arbeitet, teilte dem Journalisten Nick Whalen mit, dass ihre beiden Kinder „wie Zahnstäbchen“ seien, „weil sie nicht genügend zu essen bekommen. Früher konnte man für $1.25 Gemüse, etwas Reis, Kohle für 10 Cents und ein wenig Speiseöl kaufen. Jetzt kostet allein etwas Reis 65 Cents, und schlechter Reis dazu! Öl kostet 25 Cents. Kohle auch. Mit 1.25 kann man nicht einmal ein Reisgericht für ein Kind zubereiten“. Das Food-Programm der Kirche Ste. Claire in der Tiplas Kazo-Gegend von Port-au-Prince serviert 1000 Gratisessen pro Tag, fast alle an hungrige Kinder – fünf Mal in der Woche in Zusammenarbeit mit der What If-Stiftung. Man weiss von Kindern aus Cité Soleil, welche die fünf Meilen für ein Essen in der Kirche gelaufen sind. Wegen den Preissteigerungen bei den Lebensmitteln sind die Portionen jetzt kleiner. Aber der Hunger nimmt zu und mehr und mehr Kinder kommen für ein Gratisessen.

Die New York Times belehrte Haiti am 18. April, dass “sich Haiti mit seiner Agrarindustrie, die in Trümmern liegt, besser ernähren muss“. Leider behandelte der Artikel mit keinem Wort eine der Hauptursache für den Mangel – die Tatsache, dass die USA und internationale Finanzkörperschaften die haitischen ReisbäuerInnen kaputt machten, um einen Absatzmarkt für den schwer subventionierten US-Reis zu schaffen. Das ist nicht der einzige Grund für Hunger in Haiti und in anderen armen Ländern, aber es ist ein wesentlicher Faktor.

Vor dreissig Jahren produzierte Haiti allen Reis, den es brauchte. Was ist geschehen? Nach der Vertreibung 1986 des haitischen Diktators Jean Claude „Baby Doc“ Duvalier lieh der IWF Haiti $24.6 Mio. verzweifelt gebrauchtes Geld (Baby Doc hatte beim Weggehen die Landesersparnisse mitgenommen). Aber um diesen Kredit zu kriegen, musste Haiti die Zollprotektion für seinen Reis und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse und einige Industrien reduzieren und seine Märkte der Konkurrenz von aussen öffnen. Die USA hatten mit Abstand die gewichtigste Stimme im IWF. Dr. Paul Farmer war damals in Haiti und sah, was passierte: „Binnen zwei Jahren wurde es für haitische BäuerInnen unmöglich mit dem zu konkurrieren, was sie Miami-Reis nannten. Der ganze lokale Reismarkt von Haiti fiel zusammen, als billiger, subventionierter US-Reis den Markt überflutete, teilweise in der Form von ‚Nahrungshilfe’. Es gab Gewalt, die ‚Reiskriege’, Menschenleben gingen verloren.“ [A.d.R.: Paul Farmer ist ein bekannter Arzt aus den USA, der unter den Diktaturen vor Aristide das einzige Gesundheitssystem für HIV- und AIDS-Betroffene aufbaute, zusammen mit den kubanischen GesundheitsarbeiterInnen, abseits jeder offiziellen Hilfe.] Zwischen 1987 und 1988 kam so viel Reis ins Land, dass viele aufhörten, das Land zu bebauen. Vater Gérard Jean-Juste, ein haitischer Priester, der früher die Kirche Ste. Claire leitete, stimmt zu: „In den 1980er Jahren strömte importierter Reis in unser Land, unter den Kosten, zu denen unsere BäuerInnen ihn produzieren konnten. Sie verloren ihren Unterhalt. Die Leute auf dem Land verloren ihre Jobs und kamen in die Städte.“. [A.d.R.: Gérard Jean-Juste wurde vor den letzten Wahlen für eine lange Zeit unter einer gefälschten Anklage inhaftiert, um zu verhindern, dass er für Aristides Lavalas-Partei für die Präsidentschaft kandidiere.]

Doch das reichte der internationalen Businessgemeinschaft noch nicht. 1994 wurde Jean-Bertrand Aristide von den USA, der Weltbank und dem IWF dazu gezwungen, die Märkte in Haiti noch weiter zu öffnen – als Bedingung für die US-Unterstützung für seine Rückkehr als gewählter Präsident nach Haiti. Das Land ist definitiv arm. Laut der UNO beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung 59 Jahre, während sie in den USA bei 78 liegt. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt von weniger als einem Dollar am Tag. Dennoch ist Haiti zu einem der wichtigsten Importeure von US-Reis geworden. Laut den Angaben des US-Landwirtschaftsministeriums 2008 ist Haiti der drittgrösste Importeur von US-Reis – es geht um 240'000 Tonnen [pro Jahr]. Die Reissubventionen in den USA betrugen von 1995 bis 2006 $11 Milliarden. Ein Hersteller allein, Riceland Foods Inc von Stuttgart in Arkansas, erhielt in diesem Zeitraum über eine halbe Milliarde Dollars an Reissubventionen. Zusätzlich zu den Subventionen für Reishersteller in den USA gibt es auch die direkten Zollbarrieren zwischen 3 und 24 Prozent, berichtet Daniel Griswold vom Cato Institute. Genau die gleiche Art von Protektionen, nur viel höher, welche die USA und der IWF von Haiti in den 1980er und 1990er Jahren aufzulösen verlangt hatten.

Nicht nur haitische ReisbäuerInnen sind betroffen. Paul Farmer sah es auch bei den ZuckerpflanzerInnen: „Haiti, einst der grösste Zuckerexporteur der Welt, begann, Zucker zu importieren – aus der US-kontrollierten Zuckerproduktion in der Dominikanischen Republik und in Florida. Es war schrecklich zu sehen, wie die BäuerInnen ihre Arbeit verloren. All das hat zu den Hungerrevolten von diesem Monat geführt.“

In den USA spüren die Leute die weltweiten Probleme beim Tanken und im Lebensmittelgeschäft. Mittelschichtsangehörige können beim Reisen oder Fleischkonsum sparen. Die Zahl der Leute auf Essmarken ist in den USA so hoch wie noch nie. Aber in armen Ländern, wo schlechte Ernährung und Hunger schon vor den Preissteigerungen weit verbreitet waren, kann man bei nichts sparen ausser beim Essen. Merisma Jean-Claudel, eine junge Uniabsolventin in Port-au-Prince, sagte dem Journalisten Wadner Pierre: „… die Leute können nichts zum Essen kaufen. Die Benzinpreise steigen. Es ist sehr hart für uns hier. Die Lebenshaltungskosten sind unsere grösste Sorge, kein Frieden im Bauch heisst kein Frieden im Geist.“ Vater Jean-Juste berichtete: „Unser Land muss sofort Notkantinen zur Ernährung der Hungrigen öffnen, bis wir ihnen zu Jobs verhelfen können. Langfristig müssen wir in Bewässerung, Transport und andere Unterstützung für unser BäuerInnen und ArbeiterInnen investieren.“

* gekürzt aus Counterpunch, 21.4.08: „The U.S. Role in Haiti’s Food Riots”. Der Autor ist Menschenrechtsanwalt und Juradozent an der Loyola University von New Orleans, seit Jahren in der Solidaritätsarbeit mit Haiti engagiert und verteidigt in New Orleans arme Katrina-Opfer gegen ihre Massenvertreibung im Zuge der „Stadtaufwertung“ nach dem Wirbelsturm.
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